Monat: Juni 2024

  • Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah schildert die Schrecken der Sansibar-Revolution

    Von all den Büchern des Literaturnobelpreisträgers von 2021, die nicht in Zusammenhang mit der deutschen Kolonialherrschaft in Tansania stehen, ist Abdulrazak Gurnahs Roman „Das versteinerte Herz“ (Penguin Verlag, 362 Seiten, 21,99 Euro) das ergreifendste, berührendste und zugleich politischste Werk. Und selbstverständlich spart Gurnah nicht mit literaturhistorischen Anspielungen, die der Lektüre immer wieder eine neue Dimension geben. Das beginnt schon beim Titel, der im englischen Original „Gravel Heart“ lautet und Williams Shakespeares Theaterstück „Measure for Measure“ („Mass für Mass“) zitiert. „Unfit to live or die. O, gravel heart!“, heisst es dort und bezeichnet treffend, worum es in diesem nun in deutschsprachiger Übersetzung vorliegenden Buch aus dem Jahr 2017 geht: verflochten zu sein in ihrerseits mehrfach verflochtene Geschichten, ohne dass es ein Entrinnen gibt.

    Salim, wie die männliche Hauptfigur mit Vornamen heißt, kehrt aufgrund des Todes seiner Mutter in seine Heimat zurück, in die Küstenregion Tansanias am Indischen Ozean. Oft hat er sich gefragt, warum ihm sein Onkel Amir ein Studium in Großbritannien finanzierte, warum seine Eltern sich trennten und seine Mutter Saida seinem Vater Masud dennoch täglich Essen schickte. Nun erhält er Antworten, unschöne Antworten, die ihm offenbaren, wie ahnungslos und nicht zugehörig er sich nicht nur im britischen Ausland fühlt, sondern auch am Ort seiner Geburt und Jugend.

    Sachte nähert sich die Handlung des Romans „Das versteinerte Herz“ dem zentralen Thema: sexueller Missbrauch und seine Folgen. Was zunächst wie eine private Eheangelegenheit erscheint, entpuppt sich bald als systematische, brutale Nötigung: Weil Saidas inhaftierter Bruder Amir nur dann freikommt, wenn Saida mit Hakim schläft, einem Minister der neuen Revolutionsregierung auf Sansibar, lässt Saida sich auf diese Erpressung ein. Hakim will aber immer mehr, Saida wird schwanger, ihre Beziehung zu Masud untragbar, Am Ende wird Saida Hakims Frau, Masud geht ins Ausland, Amir kommt frei und begleicht seine Schuld an Salim.

    Aber wie geht Salim mit dieser Wahrheit um? Die Unterstützung, die er erhielt, beruht auf dem Missbrauch seiner Mutter, und sein Stiefvater Hakim ist der Vergewaltiger seiner Mutter. Entgegen dem Theaterstück Shakespeares, in dem es um ebensolchen Machtmissbrauch geht, findet sich in Gurnahs Roman kein Retter ex machina, der den Frevel sühnt.

    Zudem sind es die Männer, die in diesem Buch die Geschichten erzählen, Frauen kommen nur indirekt vor. Das muss hier leider so sein, denn unter der Oberfläche des privaten Dramas liegt eben das gesellschaftliche Drama Sansibars in den Jahren, die der Revolution von 1964 folgten. Damals wurde das arabisch geprägte Sultanat Sansibar von afrikanischen Rebellen gestürmt, die dort und auch auf dem Festland entlang des Küstenstreifens am Indischen Ozean Jagd machten auf alle, die als Profiteure oder Repräsentanten des Sultanats galten. Und die ersten und meisten Opfer waren die Frauen der verfolgten nichtafrikanischen Bevölkerungsgruppen. Sie wurden zu Freiwild erklärt, zwangsverheiratet, geschändet – und zwar ganz offiziell per Regierungsdekret, so schlimm und unverfroren, dass erst 1970 internationale Proteste fruchteten und diesem sexuellen Massaker ein Ende bereiteten.

    Gurnah erzählt diese auf mehreren Ebenen angesiedelte Geschichte sehr feinfühlig und zart. Es geht ihm vordergründig nicht um Anklagen, Vorwürfe, Vergeltungsansprüche. Es geht ihm darum, wie Menschen leben, die derlei tragisches Gepäck in ihrem Inneren tragen, oder die noch immanent betroffen sind von diesen lebensprägenden Schicksalen ihrer Vorfahren. Das ist es, was den Roman „Das versteinerte Herz“ trotz seiner Geschichte so nah und ansprechend macht – vor allem auch, weil damit ja doch die Geschichte und das Schicksal der Mutter Saida erzählt wird, die niemals aufhörte, an ihren Mann zu denken, und die sich opferte, um ihren Bruder zu retten und ihrem Sohn die Zukunft nicht zu verbauen. Es ist Gänsehautlektüre angesichts dieser Frau, die in ihrem versteinerten Herz die Liebe bewahrte, und die als Beispiel steht für viele weitere, bisher nie wahrgenommene oder gewürdigte Frauen.

  • Tierno Monénembo entlarvt Guineas ersten Präsidenten Sékou Touré

    Guinea-Conakry ist ein im afrikanischen Vergleich kleiner Küstenstaat im Westen des Kontinents. Dennoch hat das Land, immerhin so groß wie die alte Bundesrepublik Deutschland, in der Geschichte der Unabhängigkeiten eine große Rolle gespielt. Sein erster Staatschef Sékou Touré wurde weithin bewundert und galt als Idol etwa in Kuba oder der DDR. Diese politische Figur hat der vielfach preisgekrönte guineische Schriftsteller Tierno Monénembo in seinem jüngsten Roman „Indigoblau“ einer kritischen Betrachtung unterzogen.

    Es ist, das sei vorweggeschickt, kein einfach zu lesendes Buch. Der Schriftsteller Tierno Monénembo ist eben ein unglaublich kluger und vielbelesener Mensch, und so schreibt er auch. Zahlreiche renommierte Literaturpreise hat er dafür erhalten, etwa den Prix Tropique, den Prix Renaudot, den Prix Ahmadou Kourouma und allen voran den Grand prix littéraire d’Afrique noir. Monénembo, der nach seiner frühen Flucht aus Guinea in Lyon studierte und seit vielen Jahren in den USA lehrt, arbeitet gern mit literarischen Querverweisen – und zwar auf die gesamte Weltliteratur.

    Das ist auch in seinem jüngsten Roman „Indigoblau“ so (Peter Hammer Verlag, 268 Seiten, 28 Euro), in dem sich Anspielungen auf Dostojewski, Foucault, Dadié, Marcuse oder Solschenizyn finden lassen und ebenso auf Klassiker des französischen Kinos oder Chansons. Was aber auch interessant zu wissen ist: Tierno Monénembos Geburtsname lautet Thierno Saïdou Diallo. Geboren wurde Monénembo 1947 als Sohn eines Beamten, und mit 22 Jahren floh er zu Fuß nach Senegal und begann danach in der Elfenbeinküste zu studieren. Warum aber ist das wissenswert? Nun, Diallo heißt eine der tragenden Figuren in diesem Roman, und Diallo, Doktor Diallo genauer, ist eine tragische, unglückliche Figur.

     

    Dazu sagt Monénembo selbst:

    Im Guinea jener Jahre herrschte ein Klima furchtbarer Repression. Alle Welt verließ das Land, es gab drei Millionen Exilierte. Ich wurde zwar nicht persönlich bedroht oder veranlasst, Guinea zu verlassen, aber es herrschte ein Klima, das dazu beitrug, dass ein Großteil der Bevölkerung Guinea verließ. Es gab kaum eine Familie in Guinea, im der nicht mindestens ein Familienmitglied bedroht worden wäre. Vor diesem Hintergrund habe ich Guinea verlassen.

     

    Und damit sind wir beim Thema. Hauptfigur des Romans „Indigoblau“ ist die junge Atou, die später erfahren wird, dass sie eigentlich Véronique Bangoura heißt. Atou ist auf der Flucht, weil sie ihren Vater, der eigentlich ihr Stiefvater ist, wie sie später erfahren wird, ermordete, nachdem er sie vergewaltigen wollte. Diese Flucht führt sie nach Frankreich, wo sie eine ältere Nachbarin kennenlernt, die Atou immer wieder nach ihrer Herkunft aus Guinea befragt. Und das führt schließlich zur Offenlegung mehrerer Geheimnisse.

    Die Nachbarin war nämlich einst mit einem Mann aus Guinea verheiratet, den Sékou Touré als Opponenten hinrichten ließ. Ihrer beider Sohn ist seither verschwunden. Und auch Atous Schicksal ist damit verknüpft. Aber da ist dann noch ein Mann, der auspackt, ein Mann mit einer Jacke in Indigoblau. Er erzählt Atou, also Véronique Bangoura, von der Terrorpraxis jener Jahre unter Sékou Touré, der Regimegegner ermorden und binationale Ehepaare trennen ließ. Europäische Ehepartner wurden ausgewiesen, ihre Kinder zur Adoption freigegeben. Doktor Diallo ist so ein Kind, ebenso Atou, alias Véronique Bangoura.

    Der Roman „Indigoblau“ handelt also von einem furchtbaren Verbrechen, das zwar aus den Militärdiktaturen Spaniens und Argentiniens bekannt ist, nicht aber aus Guinea. Monénembo geht es aber um noch viel mehr: Er fragt nach der grundsätzlichen und immer wiederkehrenden Bereitschaft von Menschen, einander zu morden – und so verwundert es nicht, dass Doktor Diallo letztlich am Leben verzweifelt.

    Als Lektüre ist das erträglich, weil Monénembo so schreibt, wie er schreibt: es sind ineinander verschachtelte Erzählungen, sich überlagernde Erinnerungen, Schilderungen des Alltags und des Nachtlebens in Conakry. In den Clubs und Bars tobt die Musik afrikanischer Popstars, während tagsüber Schmutz, Arbeitslosigkeit und Kriminalität sichtbar werden. So zeigt Monénembo auch die Gegenwart Guineas, die tägliche Mühsal der Bevölkerung – und zwar meisterhaft.