Zora Neale Hurstons Autobiografie „Spuren im Staub“
Die Versuchung ist groß, durch den Schleier einer Autobiografie die Person zu beurteilen, die die sich in den Schleier dieser Autobiografie hüllt. Gerade bei Zora Neale Hurston, der bekanntesten Autorin der Harlem Renaissance, ist diese Versuchung besonders groß. Die Schriftstellerin und Anthropologin aus Florida, die zwischen den beiden Weltkriegen mit Romanen, Musicals, Essays und ethnologischen Schriften für Aufsehen sorgte, die ihr Alter um zehn Jahre senkte und die in einen Plagiatsskandal geriet, hielt sich, was ihr Privatleben betrifft, stets bedeckt – und verleitete gerade damit zu allerlei Spekulationen. Und weil sie in den 1950ern vollkommen in Vergessenheit geriet und erst durch Alice Walkers Engagement Mitte der 1970er Jahre wiederentdeckt wurde, ist das biografische Material zu Hurston sehr übersichtlich.
Sprachspiele und Selbstironie
Nun (wieder-)veröffentlicht der Zürcher Verlag Nagel und Kimche mit dem Buch „Spuren im Staub“ (431 Seiten) die auf Deutsch erstmals im Jahr 2000 bei Ammann unter dem Titel „Ich mag mich wenn ich lache“ verlegten Memoiren Hurstons. Und diese Memoiren zeigen das sprachliche und dramaturgische Talent der Autorin, leben vom Witz und der Selbstironie der Schriftstellerin, von ihrem Spiel mit Slang und Code-Switching und der Integration von Südstaaten-Sprichwörtern und unverblümten Schimpfwörtern sowie von gekonntem Spannungsaufbau und zielsicherer Pointierung. „Spuren im Staub“, 1942 erstveröffentlicht und selbst in den USA erst 1991 wieder neu herausgebracht, bietet damit eine großartige Lektüre.
Das Buch zeigt aber auch, wie sehr die Autorin von Fürsprechern und Mäzenen, von Stipendien und Stiftungen abhängig war, und wie sehr diese Gönner und Institutionen Hurstons Publikationen steuerten. Und wie deutlich Hurstons Meinung mitunter von dem abwich, was sich zu schreiben ziemte. Es muss für Hurston ein schwieriger Spagat gewesen sein, wie es sich vor allem in den beiden Kapiteln zu Religion und Rassismus zeigt, in denen Hurston auf schwankendem Boden nicht mehrheitsfähiger Theorien taumelt: ihre Behauptung einer Chancengleichheit von schwarzen und weißen US-Amerikanern etwa oder ihre Gleichsetzung aller Religionen, die sie zugleich als unmaßgeblich ablehnt, als pures Spektakel beschreibt und sich dennoch in verschiedenen Formen des Voodoo-Kults initiieren lässt.
Ausgezeichnete Edition
Hier bewährt sich die fast schon antiquiert anmutende detailgenaue und penible Editionstätigkeit der ausgezeichneten Übersetzerin Barbara Henninges. Ihre Anmerkungen nehmen ein Drittel dieser Ausgabe ein und beantworten Fragen zur Person Hurstons. Insbesondere aber drei Kapitel, deren jeweilige Originale der veröffentlichten Version hintangestellt sind, zeugen vom Wirken und Eingreifen eines vormaligen Lektors.
Was in Hurstons Autobiografie nämlich auch erstaunt, ist das weitgehende Fehlen jeglicher Konflikte zwischen Schwarz und Weiss, so auch die verblüffend geschilderte allseitige Harmonie in Hurstons vorgeblicher Geburtsstadt Eatonville (tatsächlich kam sie nicht in Florida, sondern in Alabama zur Welt).
Erwartungen der Leserschaft
Wurde aber bereits die US-kritische Positionierung in den Originalkapiteln umformuliert, welche Chancen auf Veröffentlichung hätten da etwaige Schilderungen von Lynchjustiz gehabt? Zumal Hurston in ihrer Autobiografie selbst sowie in ihrem Essay von 1950, „What White Publishers Won‘t Print“ verdeutlicht, dass sie der Erwartung und dem Klischee, ein Buch afro-amerikanischer Autoren müsse immer einen Rassenkonflikt zum Gegenstand haben, selbstbewusst entgegentritt. Es ging ihr auch darum, den „normalen“ Alltag schwarzer US-Mittelstandsamerikaner zu zeigen – daher wohl auch einst der von Ammann gewählte, verfremdete Buchtitel.
So ist denn auch der Zeitpunkt der Wiederveröffentlichung von „Spuren im Staub“ sehr gut gewählt. Jüngst wurde die gleichgesinnte Persiflage des Pulitzer-Preisträgers Percival Everett auf den US-Literaturbetrieb unter dem Titel „American Fiction“ verfilmt, nennen US-Bestsellerautorinnen wie Regina Porter, Tananarive Due oder Rahel Eliza Griffiths Zora Neale Hurston als literarische Ahnin, trug Alice Walker zur kommentierten Erstausgabe von Hurstons Band „Barracoon“ bei. Und im Jahr 2022 (wieder-)veröffentlichte der Kampa Verlag Zürich Hurstons Roman „Vor ihren Augen sahen sie Gott“ – Hurstons Autobiografie „Spuren im Sand“ darf als Einladung verstanden werden, auch diesen Roman (neu) zu lesen.

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