07. Oktober 2021
von Manfred Loimeier
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Abdulrazak Gurnah aus Sansibar, Tansania, erhält den Nobelpreis für Literatur

Er ist ein Autor der internationalen Begegnung, einer, der in seinen Romanen am Beispiel persönlicher Beziehungen schildert, was es bedeutet, aus verschiedenen Kulturen zu kommen. Und dieses Aufeinandertreffen unterschiedlicher Regionen und auseinanderklaffender Erfahrungs- und Erwartungshorizonte ist es auch, was sich als roter Faden, als das große literarische Thema durch die Mehrheit von Abdulrazak Gurnahs Büchern zieht.
Gurnah, 1948 auf Sansibar geboren, lässt natürlich auch eigene Erlebnisse in seine Literatur einfließen, er kennt das Gefühl, eine Heimat verlassen zu müssen, die fremd geworden ist, und eine neue Heimat finden zu müssen, die sich zunächst dagegen sträubt. Gurnah hat diese neue Heimat für sich in Großbritannien gefunden, wo er an der Universität Kent bis zu seiner Emeritierung als Professor englischsprachige Literaturen lehrte.

 

Immer wieder Abschied
„Memory of Departure“ heißt sinnigerweise Gurnahs Debütroman aus dem Jahr 1987, der entsprechend einen Abschied von der Familie und gar von einer Lebensweise schildert. Ebenso vielsagend klingt der Titel des im Jahr darauf folgenden zweiten Romans, „Pilgrims Way“, 2004 als „Schwarz auf Weiß“ auch auf Deutsch erschienen. Dessen Protagonist weist etliche autobiografische Züge Gurnahs auf, allein schon darin, dass Daud, die Hauptfigur, wie Gurnah einst vor Übergriffen auf arabisch- und indischstämmige Menschen auf Sansibar aus Tansania fliehen musste.

In Großbritannien verdrängt Daud seine Herkunft und sein Trauma, bis ihn die Bekanntschaft mit einer Kollegin zur Auseinandersetzung mit sich zwingt. Zu einer solchen Auseinandersetzung kommt es auch im Roman „Donnernde Stille“ von 1996 – auf Deutsch im Jahr 2000 veröffentlicht. In einem einerseits melancholisch-sensibel klingenden Tonfall geschrieben, ironisiert Gurnah andererseits zum einen die Überlebensmechanismen in den organisatorischen Tücken des afrikanischen Alltags, zum anderen den Wahnwitz einer erfolglos verlaufenden Entwicklungspolitik des Westens. Die Hauptfigur, ein Mann in der Midlife-Krise, kehrt nach einer Amnestie für politische Exilanten zu seiner Familie nach Tansania zurück, die dort für ihn einen angesehenen Regierungsjob und eine Medizinstudentin als Ehefrau bereithält. Doch er muss wahrhaben, dass er in seinem Exil wie in einer Parallelwelt gelebt hat und seiner längst von ihm getrennt lebenden Ehefrau seine afrikanische Verwandtschaft vorenthalten hat.

Exil und Verdrängung
Die Begegnung der Kulturen, der Übergang von einer Kultur in eine andere, prägt nicht zuletzt auch den Roman „Die Abtrünnigen“ – im Jahr des Erscheinens 2006 sogleich auf Deutsch publiziert. Es geht um Heimatverlust und Sehnsucht, um Weggehen und Bleiben, um Entfremdung und Liebe. „Die Abtrünnigen“ – das sind Menschen, die ihre Heimatkultur verlassen haben und in Liebesbeziehungen ein emotionales Zuhause suchen.
Zieht sich dieses Motiv bis in seine jüngsten Romane, so ragt aus Gurnahs Werk ein Titel besonders heraus. Es ist ein schon älteres seiner Bücher, „Das verlorene Paradies“, 1994 als „Paradise“ erschienen. Schwingt im deutschsprachigen Titel der Verlust mit, enthält der englischsprachige Originaltitel das positiv Beschwörende, und in der Tat ist „Das verlorene Paradies“ ein ganz bezaubernder Roman. Gurnah beschreibt darin sehr visuell und ruhig das Leben im östlichen Afrika um die Wende zum 20. Jahrhundert, als noch Karawanen auf den Handelswegen durch die Sahara verkehrten, als sich arabische, indische und afrikanische Bevölkerungsgruppen an der Küste Ostafrikas begegneten und Europäer begannen, ihren Machtanspruch zu behaupten.

Verlorenes Zusammenleben
Der Indische Ozean, die See, ist darin als Begegnungsraum zwischen Ostafrika und Indien dargestellt, als Handelsdrehscheibe zwischen Arabien und Asien, auf der die Seeleute die jahreszeitlich verschiedenen Driften des Ozeans nutzen, um sich mit ihren Schiffen und Waren von der einen Küste zur anderen tragen zu lassen. Und während die Menschen in Europa die Meere gewöhnlich als Hürden, als Grenzregionen betrachten, sind diese noch so tiefen Gewässer in Gurnahs Roman „Das verlorene Paradies“ das Verbindende, wo verschiedene Lebensformen nicht nur aufeinandertreffen, sondern auch ineinander verschwimmen und sich vermischen. Und so ist Gurnah ein Autor, der zwar viel über Getrenntheit schreibt, dabei im Grunde aber immer auslotet, wo gemeinsame Schnittmengen das Fundament dafür bieten, ein Zusammenleben zu ermöglichen.

Bild: Manfred Loimeier

Sie dazu auch das Interview mit Abdulrazak Gurnah in meinem Band „Wortwechsel. Gespräche mit afrikanischen Autorinnen und Autoren“ (Horlemann, Bad Honnef 2002):

Außerdem habe ich in meinem Buch „Africando. Literarische Reise durch einen Kontinent“ (Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2010) Abdulrazak Gurnahs Werk erwähnt: http://www.brandes-apsel-verlag.de/cgibib/germinal_shop.exe/showtemplate

 

Siehe auch dazu: https://www.sr.de/sr/sr2/themen/literatur/20211007_loimeier_manfred_prof_zu_gurnah_abdulrazak_nobelpreis_literatur_102.html

Siehe auch: https://www.domradio.de/node/407394

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Die Meinung:

Der Nobelpreis für Literatur geht an Abdulrazak Gurnah – das ist eine ebenso überraschende wie positive Nachricht. Zwar schwang Afrika als möglicher Zielkontinent für die Preisverleihung in Stockholm schon seit langem mit, aber den seit Jahrzehnten in Großbritannien lebenden Autor hatte wohl niemand auf der Favoritenliste.
Und zwar auch deshalb, weil Gurnah auf Literaturpodien wie in politischen Diskussionen seit jeher immer mit Bedacht spricht, eher abwägend und zögerlich, wenngleich klar in der Position: dass nämlich Europas herablassender Blick auf Afrika verwerflich ist und wenig förderlich für ein gelingendes Auskommen miteinander.
Aber Gurnah geht es in seinen Büchern nie um das Trennende, und wenn er darin kulturelle Unterschiede herausarbeitet, dann mit dem Ziel, diese zu überwinden. Insofern ist die Auszeichnung eines versöhnlichen Autors, wie Gurnah einer ist, grundsätzlich typisch für die Stockholmer Akademie, die in der Regel das Kontroverse scheut und das Verknüpfende sucht. Und gerade nach der umstrittenen Preisverleihung an Peter Handke 2019 war ein Autor, der mehr das Gemeinsame als das Verschiedene in den Vordergrund rückt, die wohl näherliegende gute Wahl.
Diese Wahl zeugt auch von einem kundigen Gespür der Nobelpreisjury, die neben dem offensichtlichen Thema der kulturellen Begegnung damit auch wieder die literarische Qualität berücksichtigt, das Spiel mit Stil und Form. Denn Gurnah spricht nicht nur wenig plakativ, sondern er schreibt auch tiefgreifend und lotet die großen Themen kultureller Differenzen an individuellen Beispielen in verschiedensten Facetten aus – durchdrungen mal von Ironie, mal von Melancholie.
Kompliment und Glückwunsch also nicht nur an den Preisträger Abdulrazak Gurnah, sondern auch an die Nobelpreisjury in Stockholm!