05. November 2021
von Manfred Loimeier
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Damon Galgut aus Südafrika erhält den Booker-Preis 2021

Es scheint das Jahr der afrikanischen Autorinnen und Autoren zu sein – nach Tsitsi Dangarembga aus Südafrika mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels, Abdulrazak Gurnah aus Tansania mit dem Nobelpreis für Literatur, dem Prix Goncourt für Mohamed Mbougar Sarr aus Senegal erhält Damon Galgut aus Südafrika den Booker-Preis. Fünf seiner neun Bücher liegen auf Deutsch vor, vor einigen Jahren sprach ich in Kapstadt mit dem Schriftsteller. Hier das Interview, das in meinem zweiten Interview-Sammelband „Wortschätze“ (Horlemann, Berlin) enthalten ist:

Herr Galgut, Sie leben in einer Großstadt, in Kapstadt, aber die Protagonisten Ihrer Romane sind in abgeschiedenen Gegenden angesiedelt. Warum?

Zum Teil liegen die Gründe im Unbewussten, ich weiß es nicht sicher, warum ich mich der Idee widersetze, eine Geschichte in einer städtischen Gegend anzusiedeln. Die südafrikanische Landschaft hat mich immer angesprochen, und ich denke, das hat mit der Tatsache zu tun, dass darin etwas sehr Elementares, Mythologisches liegt – und zwar so überwältigend, dass die Landschaft gleichsam selbst eine tragende Rolle spielen kann in einer Geschichte. Außerdem will ich in meinen Geschichten an etwas, ohne den Begriff überstrapazieren zu wollen, Mythisches rühren. Wenn man solche Geschichten in der Stadt spielen lässt, sind sie umgehend an Geschichte geknüpft. Man muss alle möglichen Details rekonstruieren, um die Handlung authentisch werden zu lassen. Gehen Sie hingegen auf das Land, hat sich nicht viel verändert. Das südafrikanische Land trägt immer noch die Züge jener vergangenen Tage der Apartheid. Es ist für mich weitaus interessanter, eine Gruppe von Figuren in eine ländliche Gegend zu setzen als in eine städtische. Während ich das sage, wünsche ich mir bis zu einem gewissen Grad, eine Geschichte zu schreiben, die in einer Stadt spielt. Aber bis heute war die ländliche Kulisse ansprechender.

 

Weil die Landschaft, das Hinterland, die Karoo, im südafrikanischen Kontext bereits erheblich mit Bedeutung aufgeladen ist?

Für mich spielt sich das auf mehreren Ebenen ab. Ich habe eine sehr starke Beziehung zur südafrikanischen Landschaft. Wenn ich von Südafrika weg bin, dann ist es eher nicht die Stadt – oder sind es die Leute –, was ich an Südafrika vermisse, sondern es ist das Aussehen der südafrikanischen Landschaft. Ich habe eine ausgesprochen ausgeprägte Beziehung zu Landschaft, und das passt nicht zur Stadt. Landschaft transportiert Geschichte in einer Weise, wie es die Stadt nicht tut. Weniger in Kapstadt, aber in Johannesburg, Pretoria oder einer Vielzahl anderer südafrikanischer Städte würde man es Ihnen verzeihen, wenn Sie denken würden, dass Apartheid lange vorbei ist. Das ist auf dem Land nicht so. Dort ist die jüngste Vergangenheit noch sehr gegenwärtig, offensichtlich. Insbesondere die Geschichte von „Der Betrüger“: Ich lebte für ein paar Jahre in einer Kleinstadt in der Karoo, drei, vier Stunden von Kapstadt entfernt, und wenn ich dorthin zurückkehre, ist die gesamte Struktur noch erkennbar, die ihr die Apartheid gab – das Farbigentownship hinter dem Hügel, die weiße Stadt auf der anderen Seite. Die Rassentrennung ist noch sehr deutlich, die Wohlstandskluft ist sogar noch offensichtlicher, und das einzige, was sich wirklich verändert hat, ist die Flagge, die vor der Polizeistation weht. Auf menschlicher Ebene ist das eher irritierend und nicht sehr ansprechend, aber für Autoren wie mich ist das ziemlich interessant, denn das Land Südafrika hat sich geändert, die Gesetze haben sich geändert, die gesellschaftliche Hierarchie hat sich geändert – aber wie wirkt sich das auf das Leben aus? Das ist eine sehr interessante widersprüchliche Frage, und das Widersprüchliche ist für mich ebenso interessant. Wie ich vorhin sagte, ist es keine völlig bewusste Entscheidung, die Geschichten auf dem Land spielen zu lassen, aber sofern ich einen Konflikt so klar darlegen kann, dass diese Widersprüche der Geschichte einen Rahmen geben, dann ist das am reizvollsten.

 

Da Sie „Der Betrüger“ erwähnten – ist der Roman zum Teil auch autobiografisch?

Nur bis zu einem gewissen Grad. Ich lebte zwei Jahre da draußen, ich ging dorthin mit der Absicht, zu schreiben, und war dann nicht dazu in der Lage, zu schreiben. Ich verbrachte einen Großteil dieser Zeit damit, frustriert zu sein, und ich verwandte meine kreative Energie mit dem Unkraut im Garten. Eigentlich kann man sagen, dass der erste Teil nah dran ist am Autobiografischen. Aber der Rest ist es nicht. Keines dieser weiteren Ereignisse gab es in meinem Leben, zumindest nicht so. Etwa diese Begegnung mit einem Schulfreund, an den sich die Hauptfigur nicht mehr erinnert. Das mit dem Schulfreund stimmt schon etwas, denn es geht mir manchmal so, wenn ich nach Pretoria zurückkehre, dass mich Leute herzlich grüßen, die mit mir in der Schule waren, und ich habe keine Vorstellung davon, wer diese Leute sind. Und dann dieses Thema der Erinnerung, persönlicher Erinnerung – es  ist sehr interessant, zu sehen, wie man das in einem Roman in einen größeren Rahmen der nationalen Erinnerung einflechten kann, darin, woran sich die Nation erinnert. Aber nur ein Teil von „Der Betrüger“ ist autobiografisch.

 

Interpretiere ich diesen Roman zutreffend, wenn ich sage, dass es um die Frage geht, ob und wie im heutigen Südafrika unter dem Einfluss des globalen Kapitals Widerstand oder Mitwirkung möglich sind? Die Hauptfigur will sich dem schließlich entziehen, hat aber keine Chance, dem zu entfliehen!

Ja. Ich denke, dass da eine Menge Dinge in diese Geschichte hineinwirkten. Man kann nicht deutlich genug betonen, wie abgeschnitten wir waren, als wir unter der Apartheid in diesem Land aufwuchsen. Der internationale Boykott schnitt dieses Land ab. Es gab kaum Handel, kaum Geld, das ins Land kam oder zurückfloss. Wichtiger noch war, denke ich, dass es kaum Ideen gab, die ins Land kamen oder hinausgingen. Wir, die wir hier aufwuchsen, hatten die Illusion, dass dieses System gewissermaßen von Gott aufrechterhalten wurde, und dass es immer so sein würde. Es war sehr befremdend, das vollständig umgewälzt zu sehen – innerhalb einer Nacht Anfang 1990 sowie in den Jahren, die folgten. Es war eine großartige Befreiung in jeder Hinsicht, dass diese Gesetze aufgehoben wurden. Es hatte aber die befremdliche Folge dergestalt, dass der plötzliche Strom von Leuten, Geld, Ideen, dem Bild der Welt da draußen, die da ins Land strömten, die nationale Psyche in einer existenziellen Weise berührten. Es war eine Art Krise, eine zweifellos gute Krise für das Land, aber eine Krise, mit der wir in gewisser Weise noch immer zu tun haben. Sie hatte ganz klar sehr positive Effekte – dass wir zur Weltgemeinschaft gehören, dass es noch andere Ideen gibt als solche, die uns eingebläut wurden, das Gefühl, dass wir keine Parias mehr sind. Aber es gibt oder gab auch negative Folgen, in dem Sinn, dass das Land nicht vorbereitet war auf die Öffnung der Grenzen – sowohl der psychischen wie der physischen. Jede Menge Geld wurde von überall her ins Land gepumpt, und damit kamen jede Menge anderer Übel – Drogen, internationale Kriminalität –, und das war ein Schock, und das Land war, denke ich, nicht vorbereitet darauf, damit umzugehen. Das neue System, und das ist kein Geheimnis, ist von einem gewissen Grad der Korruption durchdrungen, worauf wir ebenfalls nicht vorbereitet waren. Ich versuchte in dem Buch, diesen Wandel dahingehend zu überdenken, was Geld, internationale Kriminalität und Korruption verursacht haben. Zum ersten Mal musste man sich in Südafrika tatsächlich überlegen, was es eigentlich bedeutet, Südafrikaner zu sein. Diese Frage stellte sich auf persönlicher Ebene in Gesprächen mit Leuten, aber auch auf kultureller Ebene, denn in Büchern und Debatten geht es in gewisser Weise stets darum, wer wir sind und was unsere Identität ist. Diese Feststellung, ein „Betrüger“ zu sein, hat damit zu tun. Nicht wenige Menschen waren dazu in der Lage, eine falsche Identität anzunehmen. Es gibt mehrere Figuren in dem Buch, die Betrüger sind, und es ist eine noch größere Frage, ob das neue Südafrika nicht auch betrügerisch ist.

 

In  „Der gute Doktor“ gibt es verschiedene Wahrnehmungen von Realität, und die Handlung spielt auf mehreren dieser Ebenen. Dabei geht es auch um das Fortdauern der Welt, der Gesetze der früheren Machthaber. Richtig?

Ja, das kann man so sagen. Die Handlung spielt ja im Anschluss nach einer gewaltigen Veränderung in Südafrika, die sich durch diese historische Rückschau tatsächlich noch steigerte, die sich aber sehr, sehr schnell ereignete. Man blieb zurück mit dem Gefühl, dass eine komplette Gesellschaftsordnung fast über Nacht seine Grundlagen verloren hatte. Ich lehrte an der Universität, in der Theaterabteilung, einige Jahre, und wenn ich die jüngeren Leute sah, die da nachkamen, hatte ich dieses komische Gefühl, dass diese ganze Geschichte, meine ganze Wahrnehmung der Welt und ihrer Regeln, für diese jungen Leute überhaupt keine Bedeutung hatte. Apartheid ist für die meisten junge Leute alte Vergangenheit. Das ging soweit, dass manche Studenten sagten, sie wünschten, sie hätten zur Armee gehen können, denn das müsste eine interessante Erfahrung gewesen sein. Man sprach über etwas, das man nicht kannte. Es waren also in den jungen wie alten Menschen zwei gegensätzliche Vorstellungen der südafrikanischen Welt eingegraben, und das wollte ich dramatisieren – nicht in Form eines Theaterstücks, sondern eines Romans. Ich konnte mit etwas Erfahrung über die Welt sprechen, in der ich aufgewachsen und verwurzelt war, über die militärische Denke, die bürokratischen Regelungen der Apartheid, und die Art der Weltsicht, die diese Zeit prägte. Gleichzeitig war ich Zeuge des Idealismus des neuen Südafrika und der Erwartungen, die damit aufkamen. Leider muss ich sagen, dass meine sündige Seite niemals ganz an diesen Idealismus glauben konnte, und das zu sagen gibt mir keine Zufriedenheit, dass meine sündige Seite recht hatte, dass die Träume in einer Wirklichkeit verlorengingen, die erheblich kompromittiert ist. Nun, ich versuchte, mit meinen Figuren diese konflikthaften Kräfte zu verkörpern, die in der Geschichte dabei im Spiel waren.

 

Sie schreiben schon sehr lange, begannen noch zu Apartheidzeiten zu veröffentlichen. Haben denn die gesellschaftlichen Veränderungen auch eine Veränderung in Ihrem Stil bewirkt?

Ich begann als ein unpolitischer Autor zu schreiben. Politik bedeutete mir dabei nicht sehr viel. Meine beiden ersten Romane hatten in der Tat mit Politik überhaupt nichts zu tun. Sie wurden zwar während des Höhepunkts der Apartheid geschrieben, aber die Reaktionen, die es auf sie gab, waren eher missbilligend dergestalt, dass da ein eher privilegierter weißer Südafrikaner war, der sich nicht um Politik kümmerte. Das war für mich ein bisschen wie ein Schock, und in meinem dritten Buch – da war ich Mitte 20 – begann ich zum ersten Mal, in einem bestimmten Maße politisch bewusster zu werden. Das dritte Buch kam im Prinzip zu der Zeit heraus, als der Bann gegen den ANC aufgehoben wurde und die Apartheid endete, als große Veränderungen geschahen. Ich denke, Sie wissen, dass ich, wäre ich nicht in dieser Zeit in diesem Land geboren worden, wahrscheinlich ein anderer Autor geworden wäre. Politik ist nicht meine natürliche Neigung, ich sehne mich nach einer Literatur, die mehr mit „menschlichen“ Themen zu tun hat. Es ist auch heute immer noch sehr anstrengend, in diesem Land von Politik wirklich frei zu sein. Theoretisch sind wir frei, aber man kann nicht wirklich eine Geschichte schreiben, die im Südafrika von heute spielt und authentisch und klarsichtig auf die Vergangenheit blickt. Wie soll das gehen? Selbst wenn man eine jüngere Hauptfigur hat, fragt man sich, was hat er oder sie früher getan, welche Entscheidungen traf sie, welche Gefühle spürte sie? Selbst wenn man eine Figur entwirft, die gerade erst aufwächst, dann ist der soziale Hintergrund von der Vergangenheit geprägt, sie liegt noch nicht so lange zurück. Will man authentisch bleiben, kommt man nicht davon los. Vielleicht ist das eine Übertreibung, denn ich denke, dass es vielleicht Wege gibt und dass es ein nötiges Projekt für die südafrikanische Literatur ist, mit Stimmen zu sprechen, die frei sind von der Vergangenheit. Aber das ist sehr hart, das ist eine Herausforderung.

 

Sie reisen sehr gern. Ist das ein Weg, eine Distanz zu finden zum Land?

Reisen ist mir seit langem ein Bedürfnis. Es ist einerseits eine persönliche Neigung. Andererseits fühle ich mich sehr von Indien angezogen, seit 2000, als ich das erste Mal dort war. Ich habe seither viel Zeit dort verbracht, dort gearbeitet – „Der gute Doktor“ und „Der Betrüger“ wurden größtenteils dort geschrieben. Und ich habe immer schon dieses körperliche Gefühl der Erleichterung, wenn ich von hier weg bin. Es ist dann irgendwie leichter – wie ich sagte, auch in körperlicher Weise – aus der Distanz auf ein Land zurückzublicken, und es verdeutlicht mir die Komplexität dessen, was es bedeutet, hier zu sein, und das gelingt mir nicht so leicht, wenn ich hier bin.

 

Würden Sie Ihren Roman „The Quarry“ als Kriminalroman bezeichnen?

Ich habe nichts dagegen, das Buch als Kriminalroman zu bezeichnen. Es wurde nicht als solches angelegt. Wie es angelegt wurde, ist mir immer noch schleierhaft – es ist so ein Buch, das sich von selbst entwickelte. Es begegnete mir zuerst als ein Bild: ein Mann auf einer Straße, der von irgendwo herkam. Ich wusste nicht, was danach kommen würde. Es war so, als würde ich nur immer den nächsten Schritt schreiben, der gerade unvermeidlich war. Das Buch entfaltete sich, wie sich ein Traum ereignet, und daher rührt auch diese unwirkliche Traum-Atmosphäre des Tonfalls. Es ist ein Erzählstil, der von der Landschaft hätte geträumt werden können oder von etwas außerhalb von mir. Aber ja, es ist eine Art Kriminalroman. Mein Verständnis von einem Kriminalroman ist etwas altmodisch – von einer Geschichte, die sich auf mehr oder wenige simple Weise abspielt. Das passt aber nicht zu dem Buch und nicht zu diesem Land. Wenn es ein Kriminalroman ist, dann ein ziemlich unkonventioneller. Aber wissen Sie, Verbrechen ist ein unaufhörliches Thema in Südafrika, und vielleicht ist ein Kriminalroman dafür die natürlichste Form.

 

Die Hauptfiguren in Ihren Romanen, in den meisten zumindest, scheinen nicht recht zu verstehen, was sich um sie herum ereignet. Ist das eine Metapher für die südafrikanische Gesellschaft in ihrem steten Wandel?

Ja schon, aber mir widerstrebt diese Auffassung, dass Literatur die Welt erklären soll. Ich denke, so hat sich zwar Literatur bisher entwickelt und weiterentwickelt. Da gibt es diese Erwartung, dass Bücher Lesern einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Zeit erklären sollen. Aber wie gesagt, mir widerstrebt diese Art von Literatur. Ich denke das deshalb, weil das wirkliche Leben nicht so funktioniert. Als Schriftsteller bin ich nicht so verschieden von den Leuten da draußen und muss sagen, dass ich Geschichte nicht bis ins Letzte verstehe, dass ich meinen Platz in der Geschichte nicht ganz verstehe. Ein Großteil dessen, was im Land geschieht, ist mir schleierhaft, insbesondere in diesem Land, aber ich denke, das trifft auf die ganze Welt zu. Ich muss auf einer Straße nicht sehr schnell fahren, um auf eine andere Schicht von Menschen zu treffen oder auf eine Gruppe von Menschen, deren Lebensweise mir im kulturellen Sinn vollkommen undurchsichtig ist. Also fände ich es schrecklich, mich zu einer Autorität aufzuspielen und zu behaupten, ich könnte für alle Südafrikaner sprechen – das kann ich nicht. Und es stört mich zutiefst, wenn andere südafrikanische Autoren das tun, nur weil sie vorgeben, dazu in der Lage zu sein. Was wissen wir schon, was es bedeutet, unter Armut zu leiden, schwarz zu sein oder indischstämmig oder was auch immer? Selbst die weiße Mittelklasse, aus der ich komme, ist mir oft ein Rätsel. Das Leben anderer Leute ist für mich mysteriös. Ich versuche, wahrhaftig zu sein im Staunen, im Befremden über das Leben um mich herum, und ich versuche, das in meine Erzählungen einzubauen, denn mir scheint, dass viele von uns mit einem großen Anteil von Befremden über das leben, was um uns herum vor sich geht. Wir sind in etwas viel größerem gefangen als was wir sind, und offizielle Erklärungen sind oft nicht wahr oder erklären nichts. Das scheint mir wichtiger als dieser Mythos, dieses Märchen, dass es eine schlüssige Erklärung gäbe, die wir alle verstehen können, und die die Literatur bereithält. Das wirkt auf mich wie ein Trost, den wir uns eigentlich nicht erlauben können.

 

Sie schreiben nicht nur Romane, sondern Sie haben auch Theaterstücke geschrieben, Sie inszenieren. Wovon handeln Ihre Theaterstücke?

Das ist schon lange her. Ich habe schon lange kein Theaterstück mehr geschrieben. Ich habe drei Theaterstücke an verschiedenen Bühnen untergebracht. Ich hatte ein Dramatiker- und Dramaturgenstipendium in meinen frühen 20ern bei einer Bühnenorganisation in Pretoria, die zwei meiner Stücke herausbrachte, und mein drittes Theaterstück wurde in Durban und Namibia gezeigt. Keines dieser Stücke hatte eine politische Thematik. Wie ich sagte, mein frühes Schreiben war äußerst unpolitisch. Mein erstes Stück handelte von Rasputin und der russischen Königsfamilie. Das zweite Stück war ein sehr kleines Kammerspiel, und das dritte war auch ein Kammerspiel, um einen Bruder und eine Schwester. Der Bruder ist gelähmt, die Schwester kümmert sich um ihn, die Mutter stirbt. Das Stück war vollkommen auf diese Familienthematik fokussiert. Südafrikanisches Theater war dann am lebendigsten, als es Widerstandstheater war. Als die weiße Regierung stürzte, wurde das Theater seiner Thematik beraubt. Südafrikanisches Theater verwitterte über Nacht. Es gab dafür kein Geld mehr, das Hauptthema und die Hauptzielgruppe des Theaters verschwanden. Theater ist in einer großen Krise. Es gibt Anzeichen für eine Wiederbelebung, und ich denke, dass es kein Zufall ist, dass das Theater just jetzt wieder auf die Füße kommt, wo wir an einem Punkt in der Geschichte angekommen sind, an dem es wieder Gründe für Widerstandstheater gibt. Südafrikanisches Theater lebte immer von Politik, und es herrscht das Gefühl, dass es Sachen gibt, gegen die man protestieren sollte und über die man wütend sein kann. Südafrikanisches Theater wird einmal mehr seinen Weg finden. Meine persönliche Zeit des Theaterstudiums und meine Theatererfahrungen sind, glaube ich, insofern in meine Romane eingeflossen, als sie mir ein intensives Gespür für Dialoge und für Orte gaben. Ich glaube nicht, dass ich etwas schreiben könnte, ohne eine sehr klare visuelle Vorstellung davon zu haben, wo ich mich befinde, und ohne eine akustische Vorstellung – ich muss hören, wie Menschen klingen, ich muss sehen, wie die Farben sind, wie die Landschaft ist, die Szenerie. Ohne das kann ich nicht zu schreiben beginnen, und ich glaube, das hängt stark mit dem Theater zusammen. Aber bei allem liegt für mich das Theater schon weit in der Vergangenheit zurück.

 

Der Stil, in dem Sie schreiben, wurde oft mit dem Stil J.M. Coetzees verglichen. Die Visualität, die Sie gerade beschreiben, erinnert wiederum an Zakes Mda, der ebenfalls sagt, dass ihn das Bild einer Landschaft zum Schreiben anregt. Wie wem wollen Sie am ehesten verglichen werden?

Ach. Am liebsten wäre es mir, mit niemandem verglichen zu werden! Ich meine, Coetzee hat unverkennbar einen sehr großen Schatten über die südafrikanische Literatur geworfen. Man kann dem kaum entkommen. Ich erinnere mich an meine erste Begegnung mit Coetzee anlässlich einer Lesung aus „Im Herzen des Landes“. Da war ich 21 und überwältigt von dem Gefühl, dass das eine literarische Stimme ist. Die anderen südafrikanischen literarischen Stimmen wie Nadine Gordimer oder André Brink, auf die ich zuvor angewiesen war, klangen sehr nobel und nützlich, aber auch außer Reichweite in dem Sinn, dass sie ein Lebensmodell für das weiße Südafrika bereithielten. Vielleicht wäre das möglich geworden, wenn die Geschichte anders verlaufen wäre. Aber für mich waren sie Beispiele weißen Daseins in Afrika, die ich bewundern, aber in denen ich mich nicht finden konnte. Wohingegen Coetzee mir das Gespür vermittelte für eine weiße Gegenwart hierzulande, die für mich sehr nah an Heimat heranreichte. Da waren Figuren, die vollkommen davon abgeschnitten waren, was um sie herum geschah, aber zugleich waren sie keine heroischen Figuren, sie waren keine Figuren, die eine große, aufrechte Haltung einnahmen. Sie waren sehr geduckt, kompromittiert. Sehr menschlich. Das sprach mich sofort an. Diese komplett neue Art, weißes Dasein in diesem Land zu sehen. Zugleich habe ich niemals versucht, Coetzee nachzuahmen. Ich muss zugestehen, dass ich mit einem großen Teil der südafrikanischen Literatur nicht vertraut bin, ich bin darin nicht sehr gut belesen. Es ist schwierig genug, meine eigene Stimme zu finden, ohne versuchen zu wollen, einen Platz unter den ganzen anderen Stimmen zu finden. Ich beziehe mich auf Zakes Mdas Literatur auf einer ganz anderen Ebene. Was mich an seiner Literatur fesselt, ist, dass er ein schwarzer südafrikanischer Autor ist, der sich auch nicht übermäßig mit Politik befasst. Vielleicht hat er dazu die Freiheit, weil er größtenteils nicht hier lebt – aber das ist eine Vermutung und keine klare Antwort auf Ihre Frage. Kurz gesagt:  Ich verwende nicht viel Zeit dafür, mich mit anderen südafrikanischen Autoren zu vergleichen.

 

Zu Ihrem Roman „In fremden Räumen“ – was können Sie dazu sagen?

„In fremden Räumen“ ist ein Buch, das aus drei Reiseerzählungen besteht. Das ist vielleicht etwas irreführend, denn sie handeln nicht vom Reisen. Jede Erzählung handelt von einer Fahrt, die derselbe Erzähler unternimmt, und auf die er nach langer Zeit zurückblickt. Das eigentliche Ziel der Reise ist nicht das Land oder die Gegend, durch die sie führt, als vielmehr die Tatsache, dass die Reise des Erzählers mit einer weiteren Person geschieht. Ein Teil des Erzählens ist die sich wandelnde Landschaft, aber ein anderer, wichtigerer Teil des Erzählens ist die sich wandelnde Beziehung zwischen dem Erzähler und der jeweils anderen Person dieser Reisen. Die drei Reisen handeln von drei sehr verschiedenen Beziehungen. Eine handelt von Macht, eine von Liebe und die andere von Behütung, Fürsorge, für jemanden da sein. Ich hoffe, das gibt drei vorrangige Formen menschlicher Beziehungen wieder. Es fällt mir schwer, an eine Beziehung zu denken, die nicht in eine dieser drei Formen passt. Mit diesem Buch versuche ich von Politik wegzukommen. Mir scheint, dass Reisen eine Lebensweise ist, in der man Politik glaubhaft zurücklässt, denn man kommt an einen Ort, mit dem man nicht vertraut ist, in ein Land, das man nicht kennt, und man muss sich nicht notwendig um die Geschichte darum herum kümmern, man wird nicht in diese Gesellschaft hineingezogen. Man hatte keine Verpflichtungen oder Verantwortlichkeiten den Menschen oder Orten gegenüber, man kommt nur vorbei. Für eine kurze Zeit hat man also die Illusion, dass man von der Welt um sich herum gelöst ist. Wenn die Welt herum entfernt ist, dann ermöglicht das, zu schauen, wie man sein kann, was von dem Tier, das wir Menschen sind, zurückblieb. Für mich ist das eine Art, über Südafrikas Vergangenheit hinauszukommen und eine andere Art des Lebens zu finden.

Neue Pläne?

Ich beginne etwas Neues, aber ich hadere noch. Aber das ist normal für mich. Ich verbringe viel Zeit damit, nicht zu schreiben, statt zu schreiben. Um herauszufinden, was ich sagen möchte. Viele Autoren schreiben anscheinend gemütlich ein Buch nach dem anderen, aber so ging es mir noch nie. Aber ich werde weitermachen.

Das Gespräch fand am 28. September 2009 in Kapstadt statt, am Rande einer Konferenz der University of South Africa in Pretoria zu „Myth and Superstition:Dreams, Signs, Symbols“

Bild: Nigel Maister, Manhattan Verlag

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