11. Mai 2019
von Manfred Loimeier
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Ladysmith Black Mambazo am Nationaltheater in Mannheim

„Die Welt ist Klang.“ Wer diesem Motto des Musikwissenschaftlers Joachim-Ernst Berendt folgt, der kann sich der geradezu meditativ fließenden Melodik des A-cappella-Chores Ladysmith Black Mambazo gut hingeben. Denn die Musik der acht Sänger aus der am Indischen Ozean gelegenen südafrikanischen Hafenstadt Durban ist eine in ihrer Tonhöhe überwiegend gleichbleibende Schichtung aus Klangebenen. Die Methodik dieser wiederkehrenden Elemente erinnert entfernt an Minimal Music, wenngleich sie freilich einst weniger aus kompositorischen, sondern aus ganz alltagspraktischen Gründen so entstand.

Einst – das meint das Jahr 1964, in dem in einem spektakulären Verfahren unter anderem auch der spätere Freiheitsheld Nelson Mandela von einem Gericht in Südafrikas Hauptstadt Pretoria zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. In jenem Jahr gründete Joseph Shabalala in der Stadt Ladysmith nahe Durban in der Provinz KwaZulu-Natal den Chor, der bis heute rund 50 Alben veröffentlichte und dafür fünf Grammys erhielt, den jüngsten davon im Vorjahr. Zu sagen, dass Ladysmith Black Mambazo von altem Ruhm lebt und ihre bewährte Choral-Methode schlicht immer weiterführt, wäre daher falsch – Familie Shabalala, die allein die Hälfte des derzeit tourenden Chores stellt, gibt immer noch aktuelle Impulse, die die zeitgenössische Musikszene bewegen.

Sibongiseni Shabalala, Thulani Shabalala, Thamsanqa Shabalala, Msizi Shabalala, Mfanafuthi Dlamini, Sabelo Mthembu, Pius Shezi und Abednego Mazibuko gaben bei ihrem Konzert im Opernhaus des Nationaltheaters Mannheim zum Auftakt der Alphabet-Tage entsprechend einen Querschnitt ihres Repertoires. Teil eins erinnert vor der Pause an die Geschichte und Entwicklung der Gruppe – diese Lieder sprechen von Hoffnung, von der Sehnsucht von Wanderarbeitern nach Zuhause, appellieren an Frieden,  ermahnen zur Absage von Gewalt und warnen vor verfrühten Schwangerschaften. Natürlich sind auch Liebeslieder darunter und Hymnen an Menschen, die mit Stärke den Schwierigkeiten des Lebens trotzen – allen voran „Long Walk to Freedom“, Nelson Mandela und seiner gleichnamigen Autobiografie gewidmet.

Diese Lieder tragen eine erzieherische Botschaft in sich, wie dem traditionellen Kunstverständnis etlicher afrikanischer Gesellschaften zufolge Kunst eben immer auch aufklärend, korrigierend, engagiert zu sein habe.

Gekennzeichnet ist die A-cappella-Technik von Ladysmith Black Mambazo auch von der traditionellen Chormusik der Zulu, dem selbstbewussten Volk an der Südostküste Südafrikas. Geprägt ist sie aber auch vom Alltag der Wanderarbeiter in den Bergwerken des damaligen Apartheidstaates, als die Männer in Wohnheimen untergebracht und Musikinstrumente ein ferner Luxus waren. Daher markieren Tenöre weibliche Stimmlagen, daher geben Bassstimmen im Trommeltakt den Rhythmus, daher steht meist nur eine einzige Hauptstimme im Vordergrund, daher lebt der Chor von der Integration vieler Sänger, deren Individualität ebenso zurücktritt wie der eher spärliche Text gegenüber dem Klang.

Teil zwei zeigt dann nach der Pause den Weg des Erfolges, den die Musik von Ladysmith Black Mambazo nahm. Allem voran selbstverständlich der Song „Homeless“ von Paul Simons „Graceland“-Album aus dem Jahr 1986, und unübersehbar das Bemühen, der – einst auch in beengten Wohnverhältnissen historisch begründeten – statischen Bühnenpräsenz des Chores mehr Bewegung zu geben. Die anfänglich sehr überschaubaren Tanzschritte und gestischen Bewegungen weiten sich zu ausholenden Choreografien, erlauben hier erstmals auch persönliche Charakteristiken und gewinnen fast eine Hiphop-Dynamik. Auch diese Elemente – die Sprünge und die hochgeworfenen Beine – sind dabei im Kulturgut der Zulu verwurzelt, in Tänzen der Krieger und der Dorfgemeinschaften. Das passt gut zur jüngsten CD „Shaka Zulu Revisited“, für die Ladysmith Black Mambazo eben den Grammy 2018 erhielt, erinnert es doch nicht nur an den Kriegerkönig Shaka Zulu, sondern auch an den allerersten Grammy 30 Jahre zuvor, 1988 für „Shaka Zulu“. Und so schließt sich in Mannheim ein weiter Kreis, lebt die Welt im Einklang.