18. März 2018
von Manfred Loimeier
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Lieber Afrika als Amerika

Hinterher ist man immer schlauer, und was zunächst noch als disparat erschien, steht mit einem Mal in einem Zusammenhang. Das bestätigen die Stimmen afroamerikanischer Schriftsteller, die schon vor der Wahl des Republikaners Donald Trump zum neuen US-Präsidenten eines gemeinsam hatten: den Abgesang auf die Vereinigten Staaten, das in ihren Büchern kein Land mehr ist, in dem Träume wahr werden – es sei denn Albträume. Nun, nach der Wahl und angesichts einer so wohl kaum erahnten Wirklichkeit, lassen sich die diversen Bücher als Seismografen einer gesellschaftlichen Entwicklung lesen – und leider auch als Dokumente einer zumindest momentanen Perspektivlosigkeit.

Wie sehr war zum Beispiel die in den USA lebende nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie für ihren Roman „Americanah“ aus dem Jahr 2013 gelobt worden?! Adichies Buch schildert die Bemühungen eines jungen nigerianischen Paares, nach Großbritannien beziehungsweise in die USA zu kommen. Während der junge Mann Obinze aus dem Vereinigten Königreich abgeschoben und anschließend bemerkenswerterweise in Nigeria ein reicher Mann wird, erhält seine Freundin Ifemelu ein Visum für die USA, wo sie studiert. Allerdings wird ihr das anfangs verheißene Land zunehmend fremd – und auch mit der US-Kultur wird sie nicht so recht vertraut. Sie kehrt nach Nigeria zurück, und die alte Freundschaft zu Obinze blüht wieder auf. Zukunft gibt es in Nigeria, aber nicht in den USA.

Nun könnte man einwenden, Adichie sei keine Amerikanerin und in ihrem Roman thematisiere sie die Erfahrung von Immigranten – keine Rede also von einer authentisch afroamerikanischen Stimme. Aber die Deckungsgleichheit ist verblüffend, denn auch in der 2014 erschienenen Reisereportage „Jeder Tag gehört dem Dieb“ des US-Autors Teju Cole schlägt sich eine Sehnsucht nach Afrika und die Hoffnung nieder, eher in Nigeria als in den USA eine Lebensperspektive und Heimat zu finden. Die Sehnsucht von Coles Protagonist nach Afrika erfüllt sich indes nicht, er spürt, dass er zur Bevölkerungsgruppe der afrikanischen US-Amerikaner gehört und sich mit und in dem Alltag dort zurechtfinden muss. So trägt denn auch Coles 2016 herausgekommener Essayband den Titel „Vertraute Dinge, fremde Dinge“, und einige der Aufsätze darin sind unter das Motto „Schwarzer Körper“, „Ein wahrhaftiges Bild schwarzer Haut“ oder aber „Fern von hier“ und „Fremde Heimat“ gestellt.

Ähnlich schreibt die in Großbritannien geborene und in den USA aufgewachsene sowie dort lebende Autorin Taiye Selasi in ihrem 2013 publizierten Roman „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ von fremdgewordener und fremder Heimat. In ihrem Buch reisen die Hauptfiguren mit klischeebeladenen Erwartungen und der Vorstellung, sich dort heimisch fühlen zu können, nach Afrika, nach Ghana. Allerdings müssen sie vor Ort feststellen, dass die Vorstellung, allein aufgrund ihrer Hautfarbe eine Art afrikanisches kulturelles Erbe in sich zu tragen, jeglichen Wahrheitsgehalts entbehrt.

So finden zwar weder die Hauptfiguren in Coles noch in Selasis Buch ein Zuhause in Afrika, doch das Bemerkenswerte ist schließlich ist, dass sie angesichts ihrer Erfahrungen in den USA überhaupt erst in afrikanischen Ländern danach zu suchen begannen. Ihnen bieten die Vereinigten Staaten offenkundig keine überzeugende Heimat, sie betrachten sich nicht als dort verwurzelt. Und sowohl das Unbehagen von Afroamerikanern als auch dasjenige von Afrikanern in der gegenwärtigen US-Gesellschaft beinhaltet eine Absage an den US-amerikanischen Traum.

Noch mehr Beispiele nötig? Die aus Simbabwe kommende Autorin NoViolet Bulawayo schildert in ihrem Roman „Wir brauchen neue Namen“ von 2013 den Traum eines jungen Mädchens von einem Leben in den USA – und als die junge Darling, wie die Romanheldin heißt, schließlich in Detroit zur High School geht, macht sie Erfahrungen, die Bulawayo im Romankapitel „Mein Amerika“ mit dem Leben in einem Slum am Stadtrand von Harare vergleicht. Und wenigstens sind in Simbabwe die Menschen herzlicher, findet Darling. Die Abkehr von den USA könnte nicht deutlicher sein.

Und dieses Phänomen des Abgesangs auf die USA findet sich beileibe nicht nur in der englischsprachigen Literatur von afrikanischen oder afrikanischstämmigen Autoren, die in den Vereinigten Staaten leben. So widmete sich der aus der Republik Kongo kommende, seit Jahren in den USA lebende und lehrende Autor Alain Mabanckou schon 2007 in seinem Essay „Lettre à Jimmy“ dem US-Autor James Baldwin (1924-1987) und dem Phänomen, dass Afroamerikaner diese Illusion von einer Rückkehrmöglichkeit in eine „afrikanische Heimat“ haben. Sinnigerweise kann auch Mabanckous Roman „Lumières de Pointe-Noire“ (Die Lichter von Pointe-Noire) von 2013 über eine Reise nach Kongo-Brazzaville nach Jahrzehnten der Abwesenheit selbst in diese Reihe der Rückkehr in ein vermeintlich gelobtes Land gestellt werden. Mabanckou steht damit in der Tradition eben des US-Autors Baldwin, der 1955 mit dem Essayband „Notes of a Native Son“ („Schwarz und Weiß oder Was es heißt, ein Amerikaner zu sein“, 1963) zu dieser Heimkehrliteratur beitrug.

Dass nun auch im US-Journalismus und im Kino die Figur des Schriftstellers Baldwin groß herauskommt, ist in diesem Zusammenhang mehr als nur bezeichnend. So behauptet der US-Journalist Ta-Nehisi Coates aus Baltimore in seinem 2015 veröffentlichten Buch „Zwischen mir und der Welt“, dass Rassismus unvermindert Bestandteil der Identität jeden weißen US-Amerikaners und Fundament des Selbstverständnisses der US-Gesellschaft ist. Seine Kritik trägt Coates in einem Briefstil vor, der an Baldwins Buch „The Fire Next Time“ (1962) angelegt ist, auf das auch Alain Mabanckou mit seinem „Lettre à Jimmy“ anspielte. Dass dieser Titel von Coates Buch „Zwischen mir und der Welt“ zudem einem Gedicht des US-Autors und Bürgerrechtlers Richard Wright entnommen ist – dem wiederum war mit dem Roman „Native Son“ 1940 der erste Bestseller eines afroamerikanischen Autors gelungen, den dann Baldwin mit seinen „Notes of a Native Son“ zitierte –, verdeutlicht noch mehr die derzeit erfolgende Traditionsverknüpfung zu einer Generation von Afroamerikanern, die in den USA kein Zuhause fanden: Baldwin emigrierte 1948 nach Paris, wo Wright, sein Mentor und Freund, dessen Essaysammlung mit dem Titel „Black Power“ bald einer umfassenden Bürgerrechtsbewegung in den USA den Namen geben sollte, bereits seit einer Europareise 1946 geblieben war. Im Vergleich zum damaligen Apartheidstaat USA wirkte zumindest Frankreich wie ein Paradies an gelebter Freiheit und Gleichheit. Zu dieser Rückbesinnung auf die frühen afroamerikanischen Bürgerrechtler passt der soeben in Europa, auf der Berlinale, vorgestellte Film „I am not Your Negro“ (Ich bin nicht dein Neger) von Raoul Peck – denn bei diesem Film handelt es sich um eine Hommage an die Bedeutung und Ausstrahlung eben von James Baldwin.

Bleibt die Frage, wie es weitergeht. Zu bedenken ist dabei, dass die literarische Kritik an den USA bereits unter der Präsidentschaft von Barack Obama eingesetzt hatte. Selbst der Demokratischen Partei in den USA war es also offenbar nicht gelungen, die afroamerikanische Wählerschaft an sich zu binden – im Gegenteil, enttäuschte Hoffnungen und die aus einer völlig fremden sozialen Schicht kommende Kandidatin Hillary Clinton vertrieben politische Sympathisanten in das Feld der Nichtwähler, wie man heute weiß. Wohin aber tendieren die Hoffnungen und Aussichten der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA, was zeichnet sich dazu eventuell in literarischen Wortmeldungen ab?

Selbstverständlich gilt auch hier: Schlauer ist man hinterher. Was aber bereits jetzt als markant auffällt, ist eben mit der Wiederentdeckung des literarischen Werks von James Baldwin die Rückbesinnung und Anknüpfung an die Postulate der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung und ihrer Intellektueller. Das heißt, es geht weniger um eine Integration in die US-Gesellschaft nach den gängigen Regeln von Anpassung und Assimilation, sondern vielmehr um den Aufbau einer Gegengesellschaft und damit um die Transformation des US-Alltags nach den Vorstellungen der momentanen Außenseiter.