23. November 2021
von Manfred Loimeier
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Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe analysiert die Wirkung gesellschaftlicher Umstände auf die Psyche der Menschen

Ihr Debütroman „Nervous Conditions“ machte sie in den 1990er Jahren berühmt, und auch hierzulande erschien das Buch damals in mehreren Auflagen, unter dem Titel „Preis der Freiheit“. In jenen Jahren studierte die Autorin, Tsitsi Dangarembga, Film in Berlin. Nun erschien ihr Debüt als Auftakt einer Trilogie ebenso wieder auf Deutsch unter dem neuen Titel „Aufbrechen“ wie auch ihr jüngster Roman „Überleben“. Für diesen bekam die Künstlerin aus Simbabwe in diesem Jahr den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, ihr Werk wird erneut diskutiert.

Frau Dangarembga, der Titel „Nervous Conditions“ zitiert den französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, der damit einst das Phänomen als Neurose bezeichnete, sich freiwillig den Versprechungen des Kolonialismus zu unterwerfen. Würden Sie sagen, dass dieses auch heute noch gilt?

Tsitsi Dangarembga: Die Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung sind neurotische Lebensbedingungen – so habe ich dieses Vorwort verstanden von Jean-Paul Sartre zu Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“. Und ja, ich würde zustimmen, dass diese Lebensbedingungen eine neurotische Lebensform sind. Was ist unter ,neurotischen Lebensbedingungen’ zu verstehen? Das sind höchst unangenehme Lebensbedingungen, die extrem stressen, die Sie möglicherweise auch körperlich belasten. Es ist ein Zustand der Ungewissheit, der Unsicherheit. Und das gilt heute für viele Teile der Erde, und auf jeden Fall auch für viele Teile der Welt, die früher von den westlichen Imperien kolonisiert wurden. Wir haben vielleicht politische Unabhängigkeit erreicht, aber diese politische Unabhängigkeit war gewissermaßen Ausdruck für ein gewisses Maß an Reife, im Sinne des westlichen Imperiums zu handeln. Wir sind jetzt in der postkolonialen Ära, aber wir sehen noch Kontinuitäten. Wir sehen, dass die Weltwirtschaft so strukturiert ist, dass Werte von einem Teil der Erde entfernt und an einem anderen Teil der Erde aufgehäuft werden.

Jeder Ihrer drei Romane scheint eine bestimmte Periode der Geschichte Simbabwes widerzuspiegeln: „Aufbrechen“ spielt zur Zeit der Kolonialherrschaft, „Verleugnen“ während des Unabhängigkeitskrieges, „Überleben“ im unabhängigen Simbabwe. Aber die Unterdrückung ist offenbar nicht geringer geworden, insbesondere für Frauen. Stimmt dieser Eindruck, gerade angesichts der augenblicklichen Situation in Simbabwe?

Dangarembga: Es freut mich, wie vorsichtig Sie Ihre Frage formulieren, denn ich werde oft gefragt, ob ich aus der Perspektive meiner Hauptfigur Tambudzai über die Geschichte und Entwicklung meines Landes schreiben wollte. Die Antwort darauf ist: Nein. Ich wollte nur über eine typische simbabwische Person schreiben, eine weibliche Person, die versucht, gute Bürgerin zu sein und ein gutes Leben in Simbabwe zu führen. Der Grund dafür, warum ich in den Romanen diese Schwerpunkte setzte, liegt darin, dass ich für die Geschichte, die ich erzählen wollte, einen entsprechenden Schauplatz brauchte. Und deshalb gibt es die Kolonialzeit mit der offenkundigen Unterdrückung, und dann die Zeit des Freiheitskampfes, der sich auf die Menschen auswirkte, wie es in „Verleugnen“ dargestellt wird. Dann kommt die Zeit nach der Unabhängigkeit, und die Menschen begreifen, dass der neue Nationalstaat nicht die Antworten liefert auf die Probleme, die sie zu haben glaubten. Ich nahm diese Zeitperiode aus Simbabwes Geschichte, denn da ist Tambudzai eine Frau mittleren Alters, die wahrnimmt, dass sie nicht viel für sich selbst getan hat. Und die gegen den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Abstieg ankämpft und versucht, etwas für sich selbst zu erreichen.

In Ihrem ersten Roman, „Aufbrechen“, leidet Nyasha, die Cousine Tambudzais, an Bulimie. In Ihrem zweiten Roman, „Verleugnen“, verliert Nitsai, Tambudzais Schwester, ein Bein. Und der Titel Ihres dritten Romans „Überleben“, im englischen Original „This Mournable Body“, ist selbsterklärend. Nutzen Sie den menschlichen Körper als Metapher, um die täglichen Verletzungen in der Gesellschaft anzuzeigen?

Dangarembga: Ich befasse mich mit dem Trauma, das durch die Realität der westlichen Herrschaft verursacht wurde. Das ist in der Tat eines meiner zentralen Themen, denn ich bin einer dieser Menschen. Und ich hatte mich auch mit der Realität einer westlichen Herrschaft zu beschäftigen, die sich auf mich und mein Leben erstreckte. Aber das ist keine persönliche Angelegenheit, sondern etwas, womit sich alle Menschen mit hohem Anteil an Melanin in ihrer Haut in der einen oder anderen Weise auseinandersetzen müssen – hier ist der Körper sehr bezeichnend. Es war bei „Überleben“ aber weniger meine Idee, über das Trauma zu sprechen, wie es sich auswirkt, sondern darüber, wie wir mit Traumata umgehen. Der Titel wurde mir durch einen Essays des nigerianisch-amerikanischen Schriftstellers Teju Cole nahegelegt. Im Jahr 2015 gab es ein Massaker in Paris und eines in Garissa, Kenia. Ungefähr ein Dutzend Menschen wurden in Paris getötet, und in Garissa waren es mehr als 200. Der Aufschrei in der Welt, was das Massaker in Paris betrifft, war groß, aber ich denke, die Leute haben nichts vom Massaker in Garissa gehört. Teju Cole schrieb also diesen Essay, um zu fragen, warum für uns der Schmerz, die Traumata und der Tod bestimmter Menschen bedeutsamer ist und warum wir glauben, dadurch mehr verloren zu haben als mit den Körpern anderer Menschen, die ebenfalls Traumata erlebten oder starben. Das war die Idee für „Überleben“, „This Mournable Body“. Und in diesem Buch „This Mournable Body“ ist Tambudzai keineswegs eine gewinnende Persönlichkeit. Mir ging es darum, dass auch diese Eigenheiten, die wir schwierig oder eigenartig finden können, dennoch menschlich sind und diese Menschen denselben Wert haben wie ich oder andere.

Sie sind nicht nur Schriftstellerin, Sie schreiben auch Theaterstücke, drehen Filme, verfassen Drehbücher. Was ist für Sie als Filmemacherin wichtig?

Dangarembga: Die Arbeit, die ich in Simbabwe leiste, dreht sich darum, die Menschen dazu zu befähigen, ihre Geschichte zu erzählen. Ich denke, dass Storytelling eine der bedeutsamsten Möglichkeiten ist, die wir in unserer Kommunikation haben. Besonders, wenn es um Kommunikation zwischen Kulturen und Ländern geht. Es ist nicht mehr so wie früher, als man zu Fuß ging und Geschichten mit sich brachte – heute reisen die Geschichten. Geschichten können veröffentlicht werden, als Buch, Film oder online. Und ich denke, dass diese Formen der Kommunikation auf der Ebene der Menschen – statt der Staaten – sehr wichtig sind für unser gegenseitiges Verständnis. Wir gehen davon aus, dass Regierungen ihre Völker repräsentieren und im Sinne ihrer Völker das Beste aushandeln. Aber Regierungen geht es oftmals nicht darum, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, sondern schlicht darum, ihre Position zu sichern.

 

Zum Buch:

Dem Orlanda-Verlag in Berlin ist es zu verdanken, dass das literarische Werk Tsitsi Dangarembgas der Vergessenheit wieder entrissen wird. Vor zwei Jahren veröffentlichte der Verlag ihren Debütroman unter dem neuen Titel „Aufbrechen“, nun legt er mit dem Roman „Überleben“ den Abschluss der Trilogie vor, dessen zweiter Teil für das Jahr 2022 unter dem Titel „Verleugnen“ angekündigt ist.

Aber so sympathisch Tambudzai anfangs wirkte, so sehr verfremdete sich ihre Persönlichkeit aufgrund ihrer negativen Erfahrungen – bis hin zu einer irritierenden Bitterkeit im Roman „Überleben“. Darin ist Tambudzai eine Frau mittleren Alters, die ihre Stelle bei einer Werbefirma gekündigt hat, weil ihre weißen Kollegen unentwegt ihre Texte als eigene Schöpfungen ausgeben.

Tambuzai fällt in eine Depression, muss eine neue Wohnung suchen und verliert auch noch einen neuen Job als Lehrerin. Sie kommt in eine psychosomatische Klinik, wird von Verwandten aufgenommen und erhält plötzlich die Chance, am Aufbau eines Ökotourismus-Programms mitzuwirken. Aber die Erwartungen der Touristen werden für Tambudzai zu einer besonderen Herausforderung – ob sie nämlich ihr Heimatdorf gleichsam „verkauft“. Erst gegen Ende des Romans wird Tambudzai für sich eine Entscheidung treffen.

Allerdings lastet das Leiden der Hauptfigur lange auf der Lektüre, und der Tonfall der ausschließlich in Du-Form erzählten Handlung hätte etwas mehr Abwechslung vertragen. Tambudzais Entscheidung auf den letzten zwei Seiten dieses Romans lohnt die Lektüre allerdings. loi

Tsitsi Dangarembga: „Überleben“. Orlanda Verlag, 371 Seiten, 24 Euro

 

Zur Person:

Die Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga wurde 1959 in Simbabwe geboren. Sie studierte zunächst Medizin in Cambridge, dann Psychologie in Harare und schließlich Film in Berlin.

1992 gründete sie die Filmproduktion Nyerai Films, 2000 das Institute for Creative Arts for the Progress in Africa, und 2002 das International Image Film Festival for Women.

2008 war Dangarembga Stipendiatin im Künstlerhaus Villa Waldberta in München.

2021 erhielt sie ein Stipendium des Sidney Sussex College in Cambridge, den PEN Pinter Preis, den PEN International Award for Freedom of Expression sowie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

Sie lebt mit ihrem deutschen Mann in Harare. loi